Die Vernichtung von Isfet

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Isfet ist ein Begriff der kemetischen (altägyptischen) Weltanschauung. Er steht für das Chaos, die Unordnung, das Böse. Im ursprünglichen, altägyptischen, Kontext hat Isfet durchaus eine politische Bedeutung, denn der eher xenophob orientierte Altägypter sah bedrohliches Chaos auch in Allem jenseits der Landesgrenzen und zur Isfet gehörten auch innere Unruhen, die es entgegen aller Romantisierungen in den Jahrtausenden der altägyptischen Reiche natürlich immer wieder gab.

Isfet steht im Widerspruch zur Ma’at. Die Ma’at ist ein soziales, kosmologisches, religiöses Konzept im Alten Ägypten, das für Gerechtigkeit, Weltordnung, Recht und Wahrheit steht. Die Ma’at als Konzept erhielt die Schöpfung. Die Ma’at zu verwirklichen sollte vor allem die Aufgabe des Königs sein, doch sollten sich dem auch alle Ägypter anschließen. Übrigens auch die Götter. So spricht auch die Schöpfergottheit:

 

“Ich habe jedermann geschaffen wie seinen Gefährten,

und nicht habe ich befohlen, dass sie Isfet tun sollen.”

 

Worin sich zum Einen der Gedanke des solidarischen Handelns von Mensch/Wesen zu Mensch/Wesen ebenso ausdrückt wie die Ablehnung dessen, was diese Solidarität und Harmonie gefährdet: Isfet.

Jan Assmann übersetzt die Ma’at mit „Vertikale Solidarität“, ein sehr treffender Begriff. Die Ma’at dient kosmologisch dem Erhalt der Schöpfung, und „menschlich“ auch dem Erhalt einer gesunden Sozialstruktur.
Wie bei vielen Prinzipien u.ä. gibt es natürlich auch eine Personifizierung der Ma’at, nämlich die gleichnamige Göttin.

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Isfet als Prinzip bedroht die Ma’at, bedroht die Schöpfung, bedroht das Leben. Oft mit Isfet in Verbindung gebracht wird das Urwesen Apophis (Oder Apep), eine schlangenhafte, monströse Kreatur die schon seit dem Urchaos existiert und deren einziger Daseinszweck es ist, die Schöpfung anzugreifen und zu bedrohen. Aus altägyptischer Sicht (belegt seit dem Mittleren Reich) ist Apophis das Böse schlechthin. Er ist kein Dämon oder dergleichen sondern eine vage personifizierte Urgewalt, die alles bedroht und vernichten will. Dabei ist Apep nicht permanent besiegbar. Egal wie oft er besiegt wird, er regeneriert sich und bedroht die Schöpfung erneut. Im Kampf gegen Apophis tun sich in der alltäglichen Schöpfung verschiedene Götter hervor, vor allem scheint Seth aufgrund seiner ambivalenten und gewalttätigen Natur einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegen das Untier zu besitzen.

Was bedeutet Isfet nun für den modernen Kemeten oder Menschen an sich?

Wenn ich das Konzept der Ma’at in die Moderne übertrage, so kann ich das freilich nur auf einen sehr kleinen Einflussbereich tun, denn es gibt kein Kemetisches Reich oder eine größere Glaubensgemeinschaft und es gibt keinen König.
Ich kann als kemetisch inspirierter Schamane alles als Isfet ansehen, was mein soziales, aber auch mein schamanisch-magisches Umfeld betrifft. Ist ein mir (schamanisch) zum Schutz befohlener von übelwollenden Geistern (Z.B. Krankheitsgeistern) bedroht, so sind sie Isfet und müssen vernichtet oder vertrieben werden.

Nähere ich mich dem Kemetismus weiter an, kann ich in die Rolle des sogenannten Sem-Priesters gehen, der verschiedene kultische und magische Handlungen als Stellvertreter des Königs durchführte und dem Konzept des Schamanen im alten Ägypten vielleicht recht nahe kam. In dieser Rolle “bin” ich der ritualisierende König und handle im Auftrag der Götter (und Geister):

Re hat den König eingesetzt
 
auf der Erde der Lebenden
 
für immer und ewig
 
beim Rechtsprechen der Menschen, beim Befriedigen der Götter,
 
beim Entstehenlassen der Maat, beim Vernichten der Isfet”

 

Dies muß freilich immer im rituellen und (scha)magischen Kontext gesehen werden, nicht im Sinne einer egozentrischen Profilneurose ;)
Schwieriger wird es beim sozialen Aspekt. Die moderne Gesellschaft ist hochgradig auf Individualität angelegt. So muss in dem Bereich auch das Konzept der Ma’at überdacht werden. Denn wie kann jemand „meiner“ Ma’at angehören, wenn er sich nicht ma’atgerecht verhält bzw. er sich gar nicht in diesem Kontext wähnt?
So bleibt dieses Problem noch näher zu betrachten, während es im magischen (Heka) Sinne und im Sinn schamanischer Arbeit relativ klar bleibt: Isfet muss vernichtet werden.

In der schamanischen oder magischen Praxis kann das klassische Schamanenarbeit ebenso sein wie Rituale, die exorzistischen Charakter haben, und bei denen symbolisch (eventuell auch ganz „praktisch“ andersweltlich) Bedrohungen vernichtet werden.
Besonders kraftvoll ist hier ein simpel als „Vernichtung von Isfet“ deklariertes Ritual, bei dem eine oder mehrere geeignete Götter invoziert werden, die in Form eines Mysterienspiels artigen Rituals Apophis vernichten.

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Aber auch der nicht magisch tätige Interessierte kann Apophis, als Scherge von Isfet, schädigen, durch ganz einfache Maßnahmen wie die Negierung seiner Existenz, indem er Apophis statt Apophis schreibt, oder indem er den Namen, das Symbol o.ä. von Apep oder Isfet schlägt, tritt, bespuckt, verflucht o.ä. . Wer darin Ähnlichkeiten zu europäischen Formen der Übertragungsmagie erkennt, hat übrigens Recht.

 

 

Und das kemetische Heidentum betreffend?

Obwohl immer wieder Einzelne behaupten, DAS kemetische Heidentum zu vertreten muss man ganz klar sagen, dass es das nicht gibt. Es gibt vielmehr verschiedene Richtungen, die teilweise unterschiedliche Kosmologien pflegen.
Im mitteleuropäischen Raum ist Kemetismus seltener als beispielsweise in den USA. Aber auch diese wenigen Kemeten kann man bedingt unter „einer Ma’at“ zusammenfassen. Hier gibt es auch klarere Definitionsmöglichkeiten von Isfet.

rikWenn beispielsweise ein einzelner Kemete von sich behauptet, er sei der Vertreter DES Kemet und stamme aus einer uralten Linie, die sich auf das alte Ägypten zurückführen lässt und die mehrere geheime Tempel im Ruhrpott unterhält, so ist das, wie jeder halbwegs gebildete Mensch merken muss, nicht nur Unsinn, sondern auch Lüge und eine mehr als unangemessene Störung der Ma’at. Wird auch noch behauptet, dass fast hundert Kemeten Mitglieder in dieser obskuren, geheimnisvollen und natürlich unzugänglichen Glaubensgemeinschaft sind, wird es nur noch grotesker und die Wahrheit zutiefst störender und wenn dann noch Schein-Identitäten ins Spiel kommen, dann ist das pure Hochstapelei und damit ein Inbegriff von Isfet.
Oder aber eine dissoziative Identitätsstörung.

 

 

 

Literatur:
Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, Jan Assmann

Weblinks:

Maat als soziales Prinzip

Maat als kosmisches Prinzip

Liebe und Maat

Wiederherstellung der Maat

Kemetische Rituale – Impressionen

Wie läuft so ein kemetisches Ritual eigentlich ab? Wir haben eine unserer Zeremonien hier fotographisch dokumentiert um einen kleinen Einblick in unseren Tempelbetrieb zu gewähren. Natürlich haben wir (noch) keinen richtigen Tempel, also ein eigens zu diesem Zweck vorgesehenes Gebäude, jedoch haben wir den Aufwand noch nie gescheut unsere Wohnräume mit einigen Handgriffen zu einem Ort der Feierlichkeiten umzugestalten und die Götter willkommen zu heißen. Bis jetzt haben sie noch keine Einladung ausgeschlagen und sind gern erschienen um uns bei unserem Tun zu unterstützen.


 

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Reinigung

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Natron

Reinigung ist ein fester Bestandteil kemetischer Rituale. Der Reinigunsvorgang hat nicht nur praktische Gründe, sondern markiert auch die Vorbereitung für den Übertritt in eine Sphäre des Heiligen. Dazu eignet sich eine Teil- oder Ganzkörperwaschung mit Wasser dem man Salz oder Natron zugesetzt hat, was im Alten Ägypten ähnlich gehandhabt wurde. Auch die Verwendung von Räucherwerk ist üblich. Eine typisch ägyptische Räuchermischung, die reinigend wirkt, ist z.B. Kyphi.

 

Öffnung des Schreins

Die Öffnung des Schreins ist bereits für sich ein ritueller Akt und feierlicher Moment. Die altägyptische Bezeichung für Schrein “Reput” heisst übersetzt “Sänfte” und bezeichnet einen tragbaren Schrein. Er dient als Schutz für die Götterbilder und -statuen.

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Ein kurzer Moment der Andacht…

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… um die Götter zu begrüßen.

Um kleine magische Amulette oder Statuetten zu weihen eignet sich das traditionelle Mundöffnungsritual als Orientierung für einen Ritualablauf. Damit wird die Statue “zum Leben erweckt” und damit zu ihrer magischen Funktion geführt. Derartige Statuen werden dann entweder verschenkt oder an die Auftraggeber eines solchen Objektes übergeben.

Indem die Lippen der Statue mit dem kleinen Finger berührt werden, erhält sie ihre Lebenskraft. Dies war eine der Hauptaufgaben des Sem-Priesters, dem ägyptischen Totenpriester, der dazu traditionell das Pantherfell trug. Später im Mittleren und Neuen Reich wurde dieser Akt auch mittels der typischen Mundöffnungswerkzeuge durchgeführt. Die Geste mit dem kleinen Finger stammt möglicherweise von der Handbewegung der Hebammen ab, die so den Mund des Neugeborenen mit dem kleinen Finger reinigten. Der Akt stellt also eine rituelle Geburt dar.

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Mundöffnungsritual

Auch schamanische Techniken sind durchaus nutzbar um intensive Kontakte mit Gottheiten und Geistwesen herzustellen. Rituelle Kleidung, wie auch rituelle Instrumente sind fester Bestandteil dieser Handlungen.

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Schamanische Trommelsession

Rituelle Gegenstände und Werkzeuge bedürfen ebenso einer magischenEinweihungszeremonie, damit sie anschließend ihren vorherbestimmten Zweck erfüllen können.

 

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Weihe von Ritualgegenständen

Manchmal liegen konkrete Bittgesuche an einzelne Gottheiten vor, die dann an die jeweilige Gottheit weitergegeben werden. Manche Kemetics, die zu einer Gottheit einen besonderen Draht haben stellen sich auch dauerhaft als Sprachrohr für die Community zur Verfügung, andere die besonders erfahren in magischer Praxis sind, bieten ihre Heka skills an um anderen Mitkemeten zu helfen, wo es nötig ist. Oft handelt es sich bei diesen Bittgesuchen um Unterstützungswünsche in schwierigen Lebenssituationen, gesundheitliche Probleme und andere Lebenswidrigkeiten, die göttlichen Beistand erfordern.

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Jedes Gesuch wird natürlich mit einer Opferung verbunden. Die Unterstützung durch die Götter wird nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet, so großzügig sie auch sein mögen.

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Hieroglyphische Schriftzeichen und Heka-Magie sind wirksame Mittel um magische Dinge zu bewegen.


Rituale sind natürlich anstrengend. Nachdem die Zeremonie feierlich zum Abschluss gebracht wurde, ist Zeit um sich zu stärken, zu essen und zu trinken und für die eine oder andere weitere Opferung an die Gottheiten, die dann im lockeren Rahmen stattfinden. Persönliche Ritualeindrücke werden geteilt, besprochen und reflektiert und manchmal bereits ein neues Ritual geplant, da man ja nie alles schaffen konnte, was man sich vorgenommen hat und neue Inspirationen gefunden wurden.

 

Wir hoffen Euch hat dieser kleine Einblick in unsere Kultpraxis gefallen!

Em hotep! :)

Artikel auf “Kemetic Insights” lesen

Seth

PicsArt_1426835126024“Hail to you, O Seth, son of Nut, the great of strength in the barque of millions, felling the enemy, the snake, at the prow of the barque of Re, great of battle-cry, may you give me a good lifetime…”

Seit ich angefangen habe, mit dem kemetischen Gott Seth zu arbeiten, bemerke ich zunehmende Diskrepanzen vor allem mit anderen Menschen, die schamanisch oder magisch tätig sind. Obwohl solche Diskrepanzen persönlich oft eher verwirrend oder störend sein können, vor allem wenn man mit den entsprechenden Leuten befreundet ist, empfinde ich auch eine gewisse Faszination für solche Wendungen und Ereignisse.

 

Hat nun Seth mit meinen Diskrepanzen zu tun?

Ich arbeite mit Göttern anders, als ich mit Verbündeten arbeite. Götter SIND anders. Seth war überhaupt die erste Gottheit, zu der ich einen intensiven, geradezu schlagartigen Kontakt herstellen konnte. Nein, falsch: Der einen Kontakt zu mir herstellen konnte. Wenn ich nun intensiv mit einer Gottheit arbeite und nebenbei sozusagen auch schamanisch tätig bin, dann kann es auch nicht ausbleiben, dass etwas von der Gottheit abfärbt. Eigentlich empfinde ich das sogar als wünschenswert, und ich hätte es mit Sicherheit schlechter treffen können als mit Seth.

“O Seth, lord of life, who is upon the prow of the barque of Re, save me from all evil clamour of this year.”

Wer ist nun Seth?

Seth ist eine kemetische Gottheit, das heißt eine Gottheit des alten Ägypten. Da er schon in der vorägyptischen Naquada-Kultur(Um 4000 v. Chr.) erwähnt wird, gilt Seth als ein sehr alter Gott, der wohl auch über einen unglaublichen Zeitraum kultisch verehrt wurde, immerhin bis über das Neue Reich hinaus. Die Rolle des Seth wurde in Ägypten im Lauf der Zeit immer verfemter, was vor allem politische Gründe hatte, aber auch auf seine Rolle im Osiris-Mythos zurückzuführen ist. Dort tötet und zerstückelt Seth seinen Bruder Osiris und benimmt sich in diesem Mythos auch sonst eher…verhaltensauffällig. Trotzdem überwiegen seine positiven Funktionen, und auch während den Zeiten der zunehmenden Verfemung erlosch die Verehrung niemals ganz.

Das ist der historische Teil. Alles Folgende ist nur bedingt „authentisch“, sondern beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen.

“Horus is behind me, Seth is next to my shoulder … Do not attack me! See, a great God [Seth] is the one who is at my side.”

 

Seth

Seth ist eine ambivalente Gottheit. Er ist der Gott der Wüste, der Gott am Rand, der Schutzherr der Oasen. Der Gott der Stürme und der GEWALT. Der Gott der Stärke. Seth ist der Stärkste der Götter mit den Knochen aus Eisen. Er bringt Konfusion und Chaos, wenn er will, indem er zu sehr erstarrende Strukturen und Regeln und ungute Stagnation erschüttert. Sein Brüllen ist der Donner und die Erde bebt durch seine Stimme.

Seth steht am Bug der Barke des Sonnengottes Re. Die Fahrt der Sonnenbarke durch die Welt und die Unterwelt ist die Schöpfung schlechthin. Ein ständiger Feind der Schöpfung ist Apophis, ein schlangenartiger Urdämon, das Böse schlechthin. Während alle anderen Götter von Apophis hypnotisiert werden, ist Seth immun und drängt das Monstrum zurück. Er rettet Re und die Schöpfung. Sein ambivalentes Wesen gründet auch in Widersprüchen wie seiner Heldenhaftigkeit und anschließenden Verhaltensauffälligkeiten. In einem Mythos ist zum Beispiel davon die Rede, dass Seth wieder einmal Re rettet und daraufhin die Symbole der göttlichen Macht verlangt. Bei Verweigerung wird Re mit Chaos und Stürmen bedroht.

Seth steht im Mythos auch im Widerstreit mit Horus. Horus ist der falkenköpfige Sohn des Osiris, der von diesem auch das weltliche „Königreich“ erbt. Horus ist eine majestätische Würde und Gesetz. Seth ist eher die notwendige Gewalt. Beide stehen manchmal im Widerspruch, aber eigentlich ergänzen sie sich. So gibt es auch Mythen, in denen Horus und Seth relativ einträchtig zusammenarbeite und nebeneinander stehen und beispielsweise auch den König beschützen und das Reich vereinigen.

In dem was man mal schamanische Wahrnehmung nennen könnte ist Seth eine extrem potente Wesenheit. Jemand, der sich nicht aus dem Blick bannen lässt. Selbst in der Anderswelt ist Seth KÖRPERLICH. Hart. Schwarz. Rot. Massiv. Schnell. Brutal. Fast immer trägt er einen Speer oder ein Szepter und IMMER ist er riesig.

Der Kontakt zu ihm ist meistens brachial. Man sieht sich, trifft sich, prallt in einer Art ritualisierter Gewalt aufeinander und arbeitet oder kommuniziert dann.

Seth hat nur selten Verständnis für Empfindlichkeiten, er ist klar in seinem Tun und sehr deutlich bis hin zur rohen Gewalt. Er ist ein Vernichter von Feinden. Er zermalmt Bedrohungen im Vorbeigehen, nur um sich anschließend pikiert zu zeigen, dass man ihm zu wenig Wertschätzung dafür leistet.

 

“May Set be content, possessing the source of his power.”

 

Trotz aller Ambivalenz beschützt Seth die Ma’at, die Ordnung und Gerechtigkeit. In der magischen aber auch weltlichen Arbeit ist das auch mein Weltbild und mein Umkreis, „meine Leute“, auch schon mal Klienten. Auch Freunde. Er drängt darauf, Freunde zu beschützen und zu unterstützen, aber macht auch sehr deutlich, wenn er es besser fände, andere zu verstoßen. Obwohl er alles, was die Ma’at bedroht, abwehrt, neigt er auch zu einer gewissen ironischen Verspieltheit mit manchen Bedrohungen. Etwas was er auch schon mal als „Jonglieren mit Idioten“ übermittelt hat. Dabei kommt es schon auch mal wirklich als eine Art Jonglieren rüber, wie er unangenehme Wesenheiten behandelt oder auch übergriffige Möchtegernmagier, nur um sie dann achselzuckend fallen zu lassen und auf sie zu treten.

Seth hat aber nicht nur diese Seite. Er ist ein tiefsinniger Gott, den man auch kränken kann und der zur Liebe fähig ist. Er schätzt Loyalität und ist auch bereit, diese zu gewährleisten und zu geben.

Götter und der Umgang mit Ihnen

PicsArt_1398061850848In vielen Kulturen, in denen Schamanentum eine Rolle spielt, spielen auch Götter eine Rolle. Oft, aber nicht immer, sind sie deutlich abgegrenzt von Verbündeten und Hilfsgeistern und nicht alle Schamanen arbeiten mit Göttern. Andere dagegen fast ausschließlich, z.B. auch in Form von Besessenheits-Seancen.

Opfer sind ein wesentlicher Aspekt der Arbeit mit Göttern. Warum eigentlich opfern? Da ich kürzlich eine mir besonders gefällige Beschreibung in der Richtung über die ägyptische Götterverehrung gelesen habe, möchte ich diese hier in etwa wiedergeben. Sie stammt von dem bedeutenden Ägyptologen Erik Hornung.

“Eine Antwort auf ihr Dasein und ihr Wirken ist den ägyptischen Göttern erwünscht. Sie verlangen keinen Kult und sind auf keine materielle Darbringung angewiesen, aber sie freuen sich des Echos, das ihr Schöpferwort findet, und gern nehmen sie die materiellen wie ideellen Gaben der Menschen an.”

Entscheidend, so Hornung, ist die Aufnahme des direkten Kontaktes durch das “Hintreten vor die Gottheit”, und dies sollte nicht mit leeren Händen geschehen.

Ein anderer, bedeutender Ägyptologie, Jan Assmann, nennt das Opfer eine “Kommunikative Beantwortung des göttlichen Handelns”.

Diese Ansichten beschränken sich nicht nur auf den kemetischen Polytheismus, sondern sind meiner Meinung nach übertragbar auf die meisten polytheistischen Weltbilder. Sie können, müssen aber nicht, sich von eher pragmatisch orientierten Opfern an andere Wesenheiten unterscheiden. Wenn ich beispielsweise dem Geist eines Ortes opfere, um dort vielleicht ein Ritual durchzuführen, dann ist das zwar keine profane Handlung, jedoch mit Sicherheit zielorientierter als das Opfer an eine Gottheit. Es ist eher ein Geschäft. Geschäfte hat man mit mehr oder weniger beliebten Handelspartnern.

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Quellen:

Erik Hornung, Der Eine und die Vielen

Jan Assmann, Ma’at

Kemetismus

drummmDer Kemetismus ist eine neuheidnische Religion, der ich mich verbunden fühle und in deren Paradigma ich häufig arbeite. Der Kemetismus wird auch Ägyptisches Neuheidentum genannt und bezieht sich natürlich auf die Religion und die Götter des alten Ägypten bzw. der verschiedenen ägyptischen Reiche. Populär sind Gottheiten wie Re, Osiris, Anubis oder die Katzengöttin Bastet.

Zum Kemetismus kam ich insbesondere durch den Kontakt zu einer eher ambivalenten Gottheit des ägyptischen Pantheons, Seth. Da dieser Kontakt sehr viel anders und intensiver war als zu sonstigen Göttern oder anderen Entitäten, wurde mein Interesse geweckt und ich lernte einige wesentliche und besondere Aspekte des Kemetismus kennen und schätzen.

Das wäre vor allem das das Prinzip der Ma’at. Ma’at ist ein schwer übersetzbares, spirituelles aber vor allem soziales Konzept von ethischen Werten, in das alle Menschen, Götter usw. einbezogen sind. Man spricht auch von konnektiver Gerechtigkeit. Ganz simpel gesagt sorgt die Ma’at auch dafür, dass die Gemeinschaft, ja die ganze Schöpfung, erhalten bleibt indem man sich sozial, fürsorglich im jeweiligen Definitionsrahmen verhält. Wichtig dabei ist, dass diesen Regeln nicht nur der lebendige Mensch sondern auch der Gestorbene und sogar die Götter unterworfen sind.

Mein persönlicher „reformierter“ Kemetismus umfasst vor allem eine Beschäftigung mit diesem Ma’at-Konzept und eine Adaptierung auf eine moderne, sehr von Individualität geprägte Zeit. Dies lässt sich auch insbesondere mit meiner schamanischen Arbeit sehr gut verbinden, da ich auch die Menschen und Wesen innerhalb meines Ma’at-Konzeptes (z.B. Familie, Freunde, kemetische Community ähnlicher Strömung) als die soziale Gruppe betrachte, für die ich schamanisiere. Was widerum ein leider wenig bedachter Nenner eines Schamanen sein sollte.

Im kemetischen Kontext orientiere ich mich in meiner Tätigkeit auch an der des sogenannten Sem-Priesters. Dies umfasst Ritualtätigkeit, Heka (ägyptisch orientierte Magie), Arbeit mit den entsprechenden Wesenheiten und das kemetische Äquivalent schamanischer Arbeit.

Dabei verwende ich auch den kemetischen Namen Maba Sutekh hepet Bast sa-setem, der durchaus spirituellen Hintergrund hat.

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Weitere, hervorragende Basis-Informationen über den Kemetismus findet man vor allem auf dem speziellen Blog von Sati

Ma’at

Heka

Götter

Der Walpurgisbockl oder Die Wana in der Oberpfalz

höhlenkatzAn Walpurgis,oder Beltane, passieren gelegentlich seltsame Dinge. 2014 hatten wir eine Ritualhöhle vorbereitet und waren kurz davor, ein Feuer anzuzünden, als im lichten Wald vor der Höhle in aller Ruhe ein riesiger braun getigerter Kater (Im oberpfälzer Dialekt gelegentlich auch „Bockl“, „Kodl“ oder „Benz“ genannt) vorbei marschiert. Ungetarnt, gelassen, als wäre er hier zu Hause und müsste sich auch vor nichts ducken. Er schaut sich die Gegend an, geht gezielt seinen Weg, wirft nur einen kurzen Blick in unsere Richtung und geht dann weiter.

Sicher war das nur ein großer Kater, der offensichtlich öfter mal vom nächsten Dorf (nicht gerade nebenan) einen Waldspaziergang macht und die Gegend kennt, aber wenn man ein bisschen mit den hiesigen Sagen und dem alten Aberglauben vertraut ist, könnte es auch ein Wana gewesen sein.

Während heutzutage fast jeder von Elfen, Feen, Trollen und möglicherweise sogar von Hoimännern, Holzhetzern und Moosweiblein gehört hat, sind die Wana fast unbekannt. Sie werden zwar an einigen wenigen Stellen im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erwähnt, am meisten wurde aber dank des bekannten Sagenforschers F.X. Schönwerth in der Oberpfalz überliefert, wo sie dem Aberglauben nach auch nicht so selten waren.


Die Oberpfalz ist ein relativ dünn besiedelter Regierungsbezirk Bayerns, ein eher als karg beschriebenes Gebiet was sich auch schon immer in der liebevollen Bezeichnung „Stoapfalz“ (Steinpfalz) geäußert hat. Bekannt ist die Stadt Regensburg. Oberpfälzer werden von anderen Bayern, besonders Franken, gern als „Moosbüffel“ bezeichnet, was mancher Meinung nach durchaus eine treffende Charakteristik ist.

Die Sagenwelt, der „Pantheon“ und das „Bestiarium“ sind dem in Niederbayern nicht unähnlich, auch hier wimmelt es von Naturwesen und mystischen Kreaturen und nicht alles wurde vom Christentum adaptiert oder verteufelt. So auch die Wana.

Die Wana sind Gestaltwandler.

Im Gegensatz zu vielen anderen sagenhaften Gestaltwandlern ist diese Schicksal jedoch kein Fluch oder eine Plage sondern eine Gabe für die Wana, die dem Menschen gerne nahe sind und ihm gewogen. Es gibt einige interessante Entstehungsgeschichten wie die vom ominösen „Höllenbuben“ der für den Teufel auf Zeit in der Hölle arbeitete. Als Zahltag war nahm der Höllenbube die angebotenen Schätze nicht, sondern begnügte sich mit drei Geldstücken von drei Geldhaufen. Dies schien den Teufel zu beeindrucken und er meinte:

„Behalten kann ich dich jetzt freylich nicht: du bist mir zu ehrlich: aber doch sollst du zum Wana oder Kater werden“.

So wurde also aus einem fleißigen Höllenbewohner ein Kater, dem die Fähigkeit zugestanden wurde, zu gewissen Zeiten als Mensch zu leben. Der Wana ehelichte eine Menschenfrau, aus der Verbindung entsprangen drei Söhne, die auch Wana waren. Hier macht die Geschichte eine eigenartige Wende, denn die Frau verließ den Wana und ging mit ihren drei Schwiegertöchtern (also den menschlichen Frauen der zweiten Wana-Generation) in die Hölle wo sie zünftigen Ehebruch mit dem Teufel treibt (Die Schwiegertöchter vermutlich auch) und zur Hexenkönigin wird, von der sich letzten Endes auch alle menschlichen Hexen ableiten.

Vom Wana heißt es weiter:

Der alte Wana mit seinen Söhnen blieb aber auf der Erde: sie sind große starke Kater und haben zu gewissen Zeiten, besonders in den Raunächten, ihr Fest; da tanzen sie auf den Böden verrufener Häuser und die Hexen, welche aus neunjährigen Kätzinnen werden und daher nicht auf den Blocksberg dürfen, sondern zum Wana müssen, kommen und dienen ihm.“

Der Wana scheint aber ein relativ gemäßigter Dienstherr zu sein, denn außer ausschweifenden Tanzfesten in alten Scheunen und auf Dachböden verlangt er den katzenstämmigen Hexen nichts ab.
Die Unterscheidung zwischen den eigentlichen Wana und den Hexen, die von neunjährigen Katzen abstammen, wird in den Sagen nicht ganz klar obwohl Schönwerth dazu schreibt:

In dieser Sage sind also genau unterschieden die Hexen als Schülerinnen der ersten Wanafrau und menschliche Weiber von jenen, welche aus dem Katzengeschlechte, vielmehr dem der Wanamänner, hervorgehen. Die beyden Wanagatten versammelten jedes seine eigene Sippe um sich, nachdem sie sich getrennt hatten.“

bocklÜberhaupt scheint eine Abgrenzung der Wana zu den Hexen und den Katzen der Hexen wichtig zu sein. Jedenfalls neigt ein Wana auch dazu, sich in Menschen zu verlieben. Rückverwandlungsmomente in absurden Situationen sind obligatorisch.Betont wird mehrfach der heidnische Charakter von Wana. Obwohl sie die menschliche Lebensweise weitgehend zu adaptieren scheinen und sich anpassen, bleiben sie Heiden.

Beim Begriff Wana naheliegend ist auch eine Verbindung zu den Wanen der germanischen Mythologie. Dazu spekuliert Schönwerth auch

Das Wort Wàna oder Wànar, wo r stumm ist, wäre hochdeutsch Wäner, und stände nahe am Nordischen vaenr = schön, liebreich, mit welchem auch schon der Name der Vanengötter selbst in Verbindung gebracht worden ist.“

Und spielt auf eine Verbindung zu Freya an, der u.a. die Katze heilig ist und die sich von ihrem Geschlecht (Den Wanen) losgesagt hat um zu den Anderen (Den Asen) zu gehen. Müßig über diese Verbindungen zu spekulieren.
Was bleibt sind viele recht einfach gestrickte Geschichten über die Wana, die sich einfachen Vergnügungen hingeben (Meistens der Musik und dem Tanz, wo der Kater eine dominante Musikantenrolle übernimmt) oder Menschen heiraten ohne diese über ihre Natur zu informieren (Meistens Kätzinnen).

Aussagen und Hinweise, die Wana gegenüber Menschen tätigen, sind meistens in Form einfacher Omen und Orakelsprüche deutbar. Auch scheinen die Wana es nicht zu mögen, wenn man sie bei ihren Vergnügungen oder auch in ihrer wahren Natur ertappt, die Geschichten machen fast den Eindruck, als sei es ihnen peinlich. Welche Katze lässt sich schon gerne in die Karten schauen? Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens bringt die Wana mit einem totemistischen Urgrund in Verbindung und zieht auch Querverweise zu z.B. indianischen Kulturen mit einem solchen Konzept.
Bleibt die Mythologie von Katzengestaltwandlern, deren Entstehung auf vorchristliche Vorstellungen zurückgehen mag (Die Hölle als Herkunftsort, der Teufel als ehemaliger Dienstherr), die aber menschennah, menschenfreundlich, nicht böswillig und Vergnügungen gegenüber sehr aufgeschlossen scheinen.

Gibt es die Wana noch? Natürlich, ich habe einen gesehen! Auch wenn ihm unser Walpurgis offensichtlich zu wenig ausschweifend und zu langweilig war. Vielleicht das nächste Mal ;)

Quellen:
-Franz Xaver von Schönwerth, Sitten und Sagen aus der Oberpfalz
-Hoffmann- Krayer, Eduard; Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens