Seelenrückholung? Seelendiebstahl? Hä? – Ein Interview

Hier ein übersetzter Auszug aus einem Interview, das Fritz Walter vor einiger Zeit mit mir geführt hat.

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F: Lass uns doch bitte mal über Seelenrückholung sprechen. Was versteht man darunter überhaupt?

A: Seelenrückholung ist vor allem ein schamanisches Konzept. In der prämedizinischen Zeit wurde in vielen Traditionen eine Krankheit darauf zurückgeführt, dass der Patient seine Seele oder einen Teil davon verloren hatte. Oder dass sie ihm gestohlen wurde.

F: Oha, das wäre dann ja schwarze Magie, oder?

A: Keine Ahnung welche Farbe die hatte, das war im schamanischen Alltag und im Leben der damaligen Leute einfach fester Bestandteil. Im Core-Schamanismus usw. geht man eher von Verlusten durch Traumen und dergleichen aus. Das spielt natürlich auch eine große Rolle. Was aber heute eher verdrängt wird, möglicherweise um die Heile Welt des Eso-Schamanismus nicht zu behelligen, ist eben die häufige Version des bewussten oder unbewussten Seelendiebstahls.

F: Es gibt also Leute, die Seelen stehlen??

A: Logisch. Es gibt ja auch Leute, die Autos oder Butterbrote stehlen, nicht wahr? Wenn du mich jetzt nach dem Sinn dahinter fragst, mei, das ist sehr dehnbar. Die allerwenigsten schamanisch oder magisch Praktizierenden in unserem Kulturkreis sind zu so einem Akt überhaupt bewusst befähigt aber was eben nicht selten ist, ist der unbewusste Diebstahl. Esos sprechen gern vom „Ziehen“ mancher Personen. Das ist nicht mal so unzutreffend. Die Betreffenden sind in der Regel keine schlechten Menschen, oft wollen sie, wollen Elemente „ihrer Seele“ eben einen eigenen Mangel instinktiv beheben. Was freilich auf diese Art und Weise eher selten klappt sondern manchmal nur weitere Probleme, auch für den „Parasiten“ hervorruft.

F: Also ist das alles eher unabsichtlich?

A: Das hab ich nicht gesagt, es ist nur selten dass so etwas absichtlich geschieht. Dann ist es, zumindest potentiell, natürlich übles Zeug.

F: Und wie ist das mit anderen Wesen? Stehlen die auch Seelen? Sind das Dämonen?

A: Hör mir bloß mit Dämonen auf. Naja, das gibt’s auch, ist aber auch nicht häufig. Meistens hat das dann auch eher mit Menschen zu tun. Was mir schon ein paarmal begegnet ist sind beseelte Objekte, also meistens magische Gegenstände aus anderen Kulturkreisen, die eine solche Funktion oder Subfunktion besitzen. Oft wurden diese Gegenstände auch für diesen Zweck hergestellt. Ein paar schlaue Ethnologen ärgern und so.

F: Hm, okay. Zurück zum Seelenverlust. Ich könnte also mit einem erlittenen Seelenverlust zu dir kommen?

A: Nein. Du gehst zu einem Schamanen mit einem konkreten Problem…

F: Aber das hab ich doch mit meinem Seelenverlust.

A: Und woher willst du wissen, dass du einen Seelenverlust erlitten hast? Dafür gibt es eine schamanische Diagnostik, bei der dies festgestellt wird. Du gehst ja auch nicht mit bissel Bauchschmerzen zum Arzt mit der festen Überzeugung, dass du einen Bandwurm hast, oder? Obwohl, dann wärst du sozusagen ein schamanistischer Hypochonder. Wenn Ichs genau überlege sind die nicht mal so selten *hähähä*

F: Haha. Okay, dann gehen wir davon aus, dass du bei mir einen Seelenverlust feststellst. Und dann?

A: Diese Feststellung ist viel komplexer als sie sich anhört. In meiner Tradition gibt es nicht „die“ Seele sondern die Seele als ein konnektives, potentiell fluides Gebilde.

F: Häää?

A: Okay. Vergleich die Seele mit einem Körper. Du kannst den jetzt als DEN KÖRPER sehen. Oder aber du siehst ihn als ein Konglomerat aus Gliedern und sonstigen Körperteilen. Die Teile erfüllen unterschiedliche Funktionen. Das ist beim Konzept der Seele ähnlich. So ka?

F: Und bei einem Seelenverlust verliere ich eines dieser Glieder?

A: Jein. Meistens verliert man *breitgrins* eher Glieder dieser Glieder. Es gibt beispielsweise einen wichtigen Teil der Seele, den man u.a. in der Religionswissenschaft als Exkursionsseele bezeichnet. Das ist eine sogenannte Freiseele, die sich beispielsweise im Traum löst und „umherstreift“. Es ist nicht selten, dass man Elemente dieser sehr wichtigen Exkursionsseele verliert. Im Traum. Bei schamanischen Reisen. Durch Schocks. Und dergleichen.

F: Oder eben durch Seelendiebstahl.

A: Seltener. Da trifft es eher andere „Glieder“ der Seele. Aber das würde jetzt zu weit führen.

F: Aber gerade das wäre sehr interessant!

A: Ich werd mich an anderer Stelle mal über die einzelnen Bestandteile auslassen. Vielleicht nur ein Hinweis auf den Teil deiner Seele, den ich Ka nenne. Das ist sozusagen die Wächterseele, die auch mit Reputation, Würde, Ansehen, Lebenskraft zu tun hat. Hier kommt es oft zu Beeinträchtigungen durch Fremdeinwirkung. Sei es im Diesseits durch Mobbing und dergleichen oder eben durch vergleichbares auf magischer Ebene.

index2F: Und wie geht das?

A: Ich sags mal so: Restricted access.

F: Verstehe. Zurück zu meinem angenommenen Seelenverlust. Wie gehst du vor?

A: Ich versuche herauszufinden, welcher Teil oder Teil eines Teiles verloren gegangen ist. Dies gelingt nicht immer. Wichtiger ist die Reintegration. Ich reise dorthin, wohin es den Seelenteil verschlagen hat und hole ihn zurück. Oder versuche das. Das ist nicht immer einfach, weil er feststeckt, festgehalten wird oder auch einfach nicht will.

F: Das ist dann eine schamanische Reise, oder?

A: In dem Fall ja. Es muss aber auch nicht bei jeder Rückholung eine Reise an andere Orte geben. Manche Elemente lassen sich auch von „hier“ aus zurückholen. Ziehen. Locken. Das ist wie gesagt sehr individuell.

F: Und das geschieht dann mit Hilfe der geistigen Welt.

A: Das ist so eine komische Begrifflichkeit. Ich arbeite mit meinen Verbündeten, also mit ganz spezifischen Geistern, die mit mir zusammenarbeiten. Die nenn ich auch nicht geistige Welt. Wenn ich mit dir einen Kaffee trinken gehe, sag ich ja auch nicht dass ich mit der Bevölkerung des Planeten Kaffee trinken gehe, nicht wahr?

F: Ach so, entschuldige…

A: Null sweat. Jedenfalls arbeite ich dabei natürlich mit meinen Verbündeten zusammen. Manchmal ist das nicht notwendig, das heißt ich meine, dass man das auch alleine können sollte, wenn man eine gewisse Erfahrung hat. Aber die Befähigung und Ausbildung, dies zu tun stammt natürlich von meinen Geistern.

F: Du hast das nicht in einem Seminar gelernt?

A: *anstarr*

F: Ähm. Und wenn du die Seele…entschuldige, den Seelenteil, zurückgeholt hast, ist die Sache erledigt.

A: Jein. Bei einfachen Elementen mag das schon mal zutreffen. Aber in der Regel ist der mindestens genauso schwierige Teil, das Verlorene in die imaginäre oder tatsächliche Lücke, die entstanden ist, zu integrieren. Bei manchen Verlusten – je nachdem welcher Aspekt der Seelenmatrix betroffen ist – entsteht eine Lücke. Stell dir einfach mal ein Loch vor, eine Wunde. Bei manchen Teilen schließt sich diese Wunde, wie wenn eine körperliche Wunde durch Blutgerinnung verschorft. Bei anderen nicht. Diese offenen Wunden sind quasi schreiende Einladung für verschiedene Dinge. Die Häufigsten sind parasitäre Elemente. Das ist meistens nichts Besonderes. Es sind unbewusste Parasiten, die natürlich nicht sonderlich gesund sind. Bewusste Parasiten sind seltener und weitaus gefährlicher.

F: Verstehe. Diese Parasiten müssen dann vorher erst entfernt werden?

A: Yep. Es müssen aber nicht mal immer nur Parasiten sein. Manche Teile des Seelenkörpers laden auch fremde Seelenanteile förmlich ein. Die gehören da nicht hin, aber schnallen das nicht. Sie gliedern sich auf ihrer unbewussten oder bewussten Suche nach „Heimat“ dem falschen Menschen an.

F: Das hört sich jetzt zunehmend kompliziert an…

A: Ist es ja auch. Die Seele…nein, fangen wir so an: Meiner Auffassung nach ist die Seele in einigen ihrer Elemente fluide, wandelbar. Sie verliert öfter mal Teile, das gehört ebenso zum Leben wie der Faktor, dass sich andere, fremde Elemente angliedern. Ich bin kein Mensch der an einen ewigen, festen, unveränderbaren Charakter oder ein Wesen glaubt. Ich kenne zwar eine Art unveränderbaren und theoretisch auch reinkarnierenden „Kern“, aber der ist unpersönlich und hat auch mit dem Charakter nichts zu tun. Fremde Seelenteile, die sich an dich angliedern, müssen auch nicht unbedingt schlecht sein. Also nicht zwingend.

F: Also wenn du recht hast, gibt mir das schon zu denken.

A: Denken ist immer gut.