Götter und Geister sind rechts im Gehirn – Die bikamerale Psyche

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In der Esoterik- und Heidenszene wird „die Wissenschaft“ gerne als dogmatisch, gesteuert, phantasielos, kreativ und so weiter beschrieben. Für einige Wissenschaftler mag das sicher zutreffen, aber was in der öffentlichen Wahrnehmung oft untergeht, sind die vielen kreativen Ideen und Hypothesen, die eben auch vor allem von promovierten Wissenschaftlern kommen.

 

Ein Beispiel ist Julian Jaynes, ein Psychologieprofessor, der 1976 das Buch „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch  der Bikameralen  Psyche“ veröffentlichte. In diesem Werk stellt Jaynes eine Theorie über die Entwicklung des Bewusstseins auf, die auch heute noch als sehr gewagt gelten kann, damals dagegen wie eine verstörend bizarre Idee gegolten haben mag.

 

Eine der Kernaussagen von Jaynes´ Hypothese ist, dass der Mensch erst vor ca. 3000 Jahren ein Bewusstsein entwickelte, in Jaynes´ Definition von Bewusstsein als Selbstbewusstsein, als „autonomes Selbst“. Vorher hatte der Mensch das, was er eine bikamerale Psyche nennt. In dieser Theorie ist der Geist des Menschen zweigeteilt (zwei „Kammern“) in einen ausführenden, lernenden Teil (linke Kammer) und einen befehlenden Teil (rechte Kammer).

Der Mensch handelt, fühlt und denkt zwar wie heute, kann aber keine eigenen, wichtigen Entscheidungen treffen sondern erhält diese aus der rechten Kammer in Form von Visionen, Halluzinationen und Befehlen durch Götter, Geister, Ahnen. Der der linken Seite (und dem bewussten Zustand fehlende) eigentliche „Wille“ wird also durch Halluzinationen bestimmt, die in der rechten Kammer erzeugt werden.

Für den „bikameralen Menschen“ sind diese Halluzinationen völlig real.

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Für Jaynes entwickelt sich das moderne Bewusstsein erst mit zunehmender Komplexität der Gesellschaften, Bevölkerungswachstum, Völkerwanderungen und Kontrolle. Irgendwann wird das Leben so komplex und schwierig, dass der Wille der Götter und ihre Befehle nur noch unzureichend greifen und die Basis der bikameralen Psyche zerbricht: Das Bewusstsein entwickelt sich.

Jaynes sucht dafür (teilweise natürlich sehr fragwürdige) Zeugnisse in der Geschichte, in historischen Ereignissen, Katastrophen, aber auch in Beschreibungen wie in der Ilias von Homer, in der die übermächtige Rolle der Götter zunehmend durch besonders listenreiche Menschen wie Odysseus verdrängt wird.

 

Der bikamerale Zustand wird verglichen mit schizophrenen Erkrankungen, bei denen ja auch oft „Stimmen“ befehlen und Einfluss nehmen, oder aber auch mit der kindlichen Entwicklung, in der imaginäre Freunde und dergleichen nicht selten eine Rolle spielen. Auch die Beschäftigung und die Suche nach Trancetechniken sieht er als eine Folge der instinktiven Suche nach dem bikameralen (und „einfacheren“) Zustand.

 

Jaynes´ Werk ist eine THEORIE, die er auch selbst als „absonderlich“ bezeichnet hat, die ihn aber wohl Zeit seines Lebens beschäftigt, und leider auch isoliert hat.

Die Theorie umgeht natürlich Religiosität, Jaynes nach hat die Entwicklung des Bewusstseins die Götter verdrängt und ad absurdum geführt: „Da draußen ist nichts“.

 

Fahre ich jetzt ein magisches, ein spirituelles, ein religiöses Weltbild, was bedeutet Jaynes´ Theorie für mich? Ein interessantes Modell, nicht mehr und nicht weniger. Aber auch nicht das Schlechteste.

 

Sehr viel ausführlicher mit Jaynes und der bikameralen Psyche befassen sich die Links bei den Quellenangaben, die ich auch empfehlen möchte.

 

Quellen und nähere Informationen

https://ethologiepsychologie.wordpress.com/2011/12/23/julian-jaynes-die-bikamerale-psyche-und-das-bewustsein/

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531921.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Jaynes